Pfarrei St. Petrus

Wörth a. d. Donau


„Crystal ist nicht unser größtes Problem“

Drogenexperte der Kripo Regensburg hält Vortrag bei Jugendrotkreuz und KLJB

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Marihuana macht seelisch abhängig und bringt Jugendliche früh in Kontakt mit Drogendealern. Wie gefährlich die angeblich „weiche Droge“ tatsächlich ist, erfuhren Jugendrotkreuz und KLJB am Freitag. (Foto: nop)

Wörth. (nop) „Willst du mit mir Drogen nehmen ?“ heißt einer der großen Hits dieses Sommers. In den Diskotheken und teils sogar auf Vereinsfeiern kann fast jeder mitsingen, wenn der Rapper „Alligatoah“ aufruft: „Komm, wir gehn zusamm’ den Bach runter!“ Für die Leiter von Jugendgruppen, die auf Parties und Festen nicht nur für die Sicherheit ihrer Schützlinge verantwortlich sind, ist es daher extrem wichtig erkennen zu können, wer solche Texte vielleicht etwas zu wörtlich nimmt.

Jakob Weikl vom Jugendrotkreuz und Felix Gritschmeier von der KLJB haben sich deshalb am Freitagabend den Leiter des Drogendezernats der Kriminalpolizei, Peter Eisenreich, als Referenten in den Wörther Pfarrsaal eingeladen. Nicht nur zeigte er den etwa 25 Zuhörern, welche verschiedenen illegalen Wirkstoffe in welcher Form auf dem Markt kursieren und welche Symptome sie hervorrufen.

Marihuana ist einfach brutal

Aus seiner reichen Arbeitserfahrung schilderte er auch, welchen Verlauf „typische Drogenkarrieren“ nehmen und wie man etwa aus dem Sozialverhalten eines Jugendlichen ablesen kann, dass er ein Suchtproblem haben könnte.

Überraschend mag hierbei klingen, dass die sogenannte „Crystal-Welle gar nicht unser größtes Problem“ ist. „Uns macht das immer stärkere Marihuana viel mehr Sorgen.“ Marihuana ist nach wie vor der einfachste Einstieg in die Welt der verbotenen Rauschmittel. Gerne verharmlost, oft sogar verherrlicht, seien sich die wenigsten bewusst, „dass sich durch moderne Zucht- und Anbaumethoden der Wirkstoffgehalt in den letzten Jahren vervielfacht“ habe. Das „Gras“ sei momentan „einfach brutal“.

Wenn es mal kein Gras gibt

Der Wirkstoff THC erzeuge so immer rascher eine seelische Abhängigkeit vom Rauschzustand, was Eisenreich mit rasant steigenden Fallzahlen belegen kann. „Die Medien pushen trotzdem das Thema Crystal so sehr, dass das eigentliche Problem darin untergeht.“ Denn: gibt es mal kein Gras, bieten die Dealer den Kunden eben etwas anderes an, seien es synthetische oder andere harte Drogen. Und wer davon einmal süchtig geworden ist, nimmt so ziemlich alles: „90 Prozent der späteren Heroinabhängigen haben mit Marihuana angefangen“, weiß Eisenreich.

Für den nüchternen Statistiker ist und bleibt Heroin, umgangssprachlich „Aitsch“ vom englischen „H“, der Killer nummer eins: „Von unseren Drogentoten sind bisher nur zwei an Crystal gestorben.“

Nur die Spitze des Eisbergs

Eisenreich hat mit seinen neun Kollegen immerhin den Überblick über die Landkreise Cham und Neumarkt sowie über Stadt und Landkreis Regensburg mit insgesamt 600 000 Einwohnern.

Im Schnitt bearbeiten die Kriminaler des Kommissariats IV jährlich etwa 2 500 Fälle. Eine Zahl, die laut Eisenreich wohl nur die Spitze eines Eisbergs abbildet: „Wären wir doppelt so viele Beamte, hätten wir wahrscheinlich auch doppelt so viele Fälle.“ In dieser relativen Sicherheit gelingt es den Drogenhändlern fast immer irgendwie, den Markt zu bedienen. Polizeibekannt werden so vor allem die Drogenabhängigen in der Regel durch die Beschaffungskriminalität. Während Marihuana nämlich vergleichsweise billig ist, schlägt ein Konsum von knapp einem Gramm Heroin oder Speed pro Tag mit Kosten von über 2 000 Euro im Monat zu Buche.

Selber mit Drogen zu handeln, also mobil zu sein, Kontakte zu pflegen und Termine einzuhalten, scheidet meist aus ganz handfesten Gründen aus: „Arbeiten kann man da in der Regel schon lange nicht mehr. Auch das Handy der Schwester oder der Fernseher der Eltern sind dann meist schon weg. Früher oder später bleibt nur der Weg des Diebstahls.“

Hehler zahlen zehn Prozent

Von Kollegen weiß Eisenreich, dass es „für ein gestohlenes Mountainbike ein Gramm Stoff“ gibt. Allgemein könne man davon ausgehen, dass Hehler etwa zehn bis 15 Prozent des Diebstahlswertes auszahlen, also für eine Flasche Parfüm fünf bis zehn Euro. Damit die überwiegend männlichen Suchtkranken nicht zu sehr unter ihren Entzugserscheinungen leiden, müssen sie entsprechend viel stehlen.

Auswege für diese Kriminellen sieht Eisenreich nur wenige. „Es ist tatsächlich meist so, dass einer ganz unten ankommen muss, um einzusehen, dass er Hilfe braucht.“ Bei ein paar von denen reiche die Erfahrung einer Haftstrafe und eines Entzugs. Viele würden aber wieder und wieder rückfällig, sind irgendwann so etwas wie Stammkunden bei Eisenreich und seinen Kollegen. Von den 16 Drogentoten in der vergangenen Saison, wie eigentlich jedes Jahr, setzten sich die meisten ihren „goldenen Schuss“ kurz nach einer Haftentlassung oder einem Klinikaufenthalt: „Der Körper ist geschwächt und entwöhnt und verträgt den Stoff dann nicht mehr.“

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